Klartext: Eine Kolumne

Unsere Branche ist sehr innovativ. Oft aber auch sehr oberflächlich oder unglaublich ignorant. Manchmal drängt sich das Gefühl auf, dass Geräte um ihrer selbst willen (Profit?) gebaut werden, aber nicht, weil sie gebraucht werden oder jemandem nützen.

In einer Kolumne, die regelmäßig in der Professional Systems erscheint, dürfen wir mal so richtig meckern und uns lustig machen. Es darf gelacht werden, mindestens aber muss geschmunzelt werden.

Was hat es damit auf sich?

Nach einem Messetag, spät Abends, in irgendeiner Location in irgendeiner Stadt in irgendeinem Land, saßen wir zusammen und konnten nicht aufhören, über unsere Profession zu sprechen. Die Journalistinnen der Professional Systems und die Standbesatzungen diverser Hersteller. Beim Absacker nach einem harten Arbeitstag auf einer Messe gibt es keine Konkurenten oder Wettbewerber, sondern nur Leidensgenossen und ähnlich Verrückte. Und dabei kotzt man sich auch schon mal interessenübergreifend aus. Als dann jemand sagt, "Warum schreiben wir das eigentlich nicht mal auf und veröffentlichen es als Kolumne?", war es passiert. Jetzt schiebt der Autor immer noch Dienst auf Messen UND schreibt eine Kolumne. Mehr oder weniger regelmäßig. Wir nennen sie Klartext, und sie stellt eine persönliche Meinung des Autors dar. 

Klasse war die erste Ausgabe: Es gab Geschrei und erregte Aussagen. Was stand drin? Nun, wir warten auf AVB! Seid Jahren, aber es kommt nix! Ein wütender Leser schrieb: Blos' weil COMM-TEC kein AVB verkauft, wird es schlecht gemacht! Blödsinn! Der Autor ist Techniker. Seit 1972! Und kann nicht verstehen, dass ein solch tolles Medium wie AVB so lange braucht! Die Diskussion ging hin und her, endete dann aber wie immer, wenn die Luft aus einem Thema raus ist.

Die nachfolgenden Kolumnen wurden dann weniger attackiert, wir hoffen, dass die Aussagen im richtigen Licht betrachtet wurden: Nicht die Meinung eine Mitarbeiters der Firma COMM-TEC, sondern die einer Person, die mit Herzblut und Know-how an die Medientechnik glaubt.

Falls Sie die Ausgaben der Professional Systems verpasst haben sollten: Hier sind die Rohtexte :-)

Uhingen, im Juni 2016

Nach oben

Klartext: Warten auf Godot

Samuel Becket schrieb 1949 das Theaterstück „Warten auf Godot“. Ich habe es nie gesehen, weiß noch nicht mal, worum es darin geht. Aber eins weiß ich: Der Titel wird zum geflügelten Wort immer dann, „wenn es mal wieder etwas länger dauert“. Und „Warten auf Godot“ hört sich viel netter an als „Warum kommt AVB eigentlich nicht aus dem Quark?“

Im Jahr 2009 besuchte ich die InfoComm in den USA, und ich stolperte über einen unscheinbaren Stand mit einer extrem spannenden Aussage: AVB! Audio-Video-Bridging, eine Technologie, die versprach, herstellerneutral Audio- und Videosignale über Ethernet-Netzwerke zu übertragen. Und dabei all die hässlichen Dinge wie Bandbreite, Latenzen, Kompatibilitäten zu unserer vollsten Zufriedenheit im Griff zu haben. Die Funktionen lasen sich wie die Wunschliste aller AV-Techniker! Sogar Steuerung war mit drin! Und dann noch als IEEE-Standard entwickelt, also ohne teure, den Markt manipulierende Lizenzgebühren wie bei anderen Steckern oder Herstellerformaten.

Auf dem Rückflug nach Uhingen träumte ich von den Möglichkeiten: Einen Encoder von Hersteller [A], weil ich nur einen DVI-Eingang brauche, einen zweiten Encoder von Hersteller [B], der kann automatische Signalerkennung und Multiviewing, ein Tastenfeld von Hersteller [C], das der Hausmeister einer Stadthalle im Dunkeln ohne Hinschauen bedienen kann, einen Signalprozessor von Hersteller [D], der Überblendungen bei Signalwechsel perfektioniert und den Decoder von [E], der perfekte HDMI-Signale ausgibt, 25 Meter Kabel treiben kann und auch noch einen lokalen Mitschau-Ausgang hat.

Das alles, verkabelt mit CAT.irgendwas, zusammengesteckt und läuft! 2015, kurz vor der InfoComm, sechs (!) Jahre später, sieht die Welt immer noch so aus, wie damals. OK, es gibt ein paar Produkte von namhaften Herstellern. Wen es interessiert: http://avnu.org/certified-products/

Aber soll es das gewesen sein? Ich fürchte – ja. Und jetzt überwältigt mich meine Ungeduld: Warum dauert das so lange? OK, die AVB.org wurde in AVNU überführt, nach AVB kam AVB 2.0 (heute TSN); also genügend Gründe, warum es mal wieder länger dauert.

Hersteller, die zur AVNU gehören, sagen immer noch das Gleiche wie vor sechs Jahren: „Eigentlich warten wir nur noch auf …“ Ja, was denn eigentlich? Im Februar 2015 habe ich die Bose AV Networking Roadshow in Frankfurt besucht und war schlichtweg beeindruckt: Dante zeigte hier, wie eine digitale Signal-Infrastruktur im Jahr 2015 funktionieren muss.

Den Vogel schoss ein Teilnehmer mit seiner Schilderung ab, der für ein Tonstudio arbeitet und Klassische Musik aufzeichnet. Die arbeiten mittlerweile vollständig mit per Dante vernetzten Geräten, bis hin zum In-Ear-Monitoring der Musiker! OK, das ist ohne Video. Aber was nutzen mir sich ständig weiterentwickelnde IEEE-Spezifikationen, wenn die Produkte nicht auf den Markt kommen? Liebe AVB/TSN/AVNU-Industrie, ich habe das Warten satt.

Ich empfehle meinen Händlern Dante, das hält, was Ihr versprecht. OK, kein Video, aber in professionellen Audiosystemen funktioniert es schon mal perfekt! Und wenn Ihr dann irgendwann mal so weit seid, hat wahrscheinlich ein kleines, gallisches Unternehmen DAVNTE™ entwickelt, vermarktet und sich herzlich wenig um Eure, ach so hochgehaltene IEEE-Standardisierung gekümmert. Aber es funktioniert! Und alle Anwender, Planer, Installateure und Distributoren klatschen Beifall. Euch Herstellern wird das eher nicht gefallen, weil plötzlich kleine innovative Hersteller mit überschaubarer Produktpalette sich in Eurem Kernbusiness tummeln und Euch das Geschäft kaputt machen. Moment mal, sollte das der wahre Grund sein? Also so ähnlich wie bei OLED Displays, aber das ist eine andere Geschichte! 

Nach oben

Klartext: AV-Infrastruktur für 4K-Signale, 4:4:4 Abtastung ohne Komprimierung für die nächsten 10 Jahre

Es passierte mir Anfang des Jahres. Im Gespräch mit einem Planungsbüro kam folgende Frage auf den Tisch: Welche digitale AV-Infrastruktur ist gut für die nächsten zehn Jahre, kann 4K, 4:4:4 und das alles unkomprimiert? Natürlich gingen mir sofort ein paar Lösungen durch den Kopf, aber leider verlangte der Planer eine UND-verknüpfte Antwort. Und so lösten sich meine potenziellen Antworten eine nach der anderen in Luft auf. Ich bat mir Bedenkzeit aus. Was sind schon ein paar Tage, wenn es um die nächsten zehn Jahre geht?

Meine folgenden Recherchen ergaben dann ganz schnell: Alle diese Parameter unter einem Hut für eine Infrastruktur sind machbar. Aber alle diese Lösungen haben einen Haken: Die derzeitige Spezifikation für 4K-Signale.

Geht es nach der Consumer-Electronic und den Herstellern von Displays, dann bedeutet 4K: Displays mit 3.840 × 2.160 Pixel und 60 fps. Und wir haben oft genug schon die Erfahrung machen dürfen, dass die CE durch ihre Produktionsmacht Standards schafft. Norbert Bolewski von der FKTG (Fernseh- und Kinotechnische Gesellschaft) wird noch deutlicher: „Aber was in unserer Welt (der Displayhersteller) zählt, heißt höhere Absatzzahlen, was kümmert uns das Morgen.“[1]

Geht es nach den Broadcastern, dann sind die Pixel eher nebensächlich. Denn den realen Vorteil der höheren Pixelzahl habe ich nur, wenn ich sehr nah am Bild bin. Wenn ich bei einem 4K-Bild den gleichen Wow-Effekt haben will wie damals bei den ersten HDTV-Bildern gegenüber PAL, dann braucht es viel mehr als nur mehr Pixel! Nämlich mehr Kontrast, größeren Gamut und vor allem viele, viele Bilder pro Sekunde! Und wenn ich jetzt überlege, wie lange unsere Industrie gebraucht hat, um das Mehr an Daten beim Sprung von 30 fps zu 60 fps für Infrastrukturen in die Reihe zu kriegen, sehe ich schwarz. HDMI 2.0 lässt grüßen. Und wenn wir jetzt mehr Kontrast (mehr Bits pro Sample), größeren Gamut (noch mehr Bits) und 120 fps – besser noch 180 fps (kaum vorstellbar mehr Bits) fordern, kann das mal wieder länger dauern.

Für mich bedeutet das: Wir wissen nicht, welche Datenmengen in fünf Jahren notwendig sind, um 4K-Signale zu verteilen. Weil niemand weiß, wie diese Signale aussehen werden. Seit zwei Jahren werden die Nachfolger der Blu-ray-Player angekündigt. Immer wieder wird die Produkteinführung verschoben. Warum wohl? Ein wenig Physik und die Denkweise eines Filmstudios bringen für mich die Erklärung: Ein Kameraschwenk mit einer 4K@24 fps Kamera muss gaaanz langsam passieren. Schnelle Bewegungen werden sofort brutal unscharf. Unschärfer als das bei einer Full HD-Aufnahme der Fall ist! Glauben Sie, dass ein Filmstudio die Actionsequenzen eines Block Busters langsamer macht, damit das auf 4K noch gut aussieht? Ich glaube nicht. Also sind wir wieder bei den Broadcastern: Mehr Bilder pro Sekunden sind schon mal der richtige Schritt in die richtige Richtung. Auch Herr Cameron hat angekündigt, den AVATAR Teil 2 mit 60 fps zu drehen, weil ihm 24 fps zu schlecht sind.

4K wird sich durchsetzen. Aus vielen Gründen. Aber wahrscheinlich unter Berücksichtigung der Anforderungen von Broadcastern und der Filmindustrie. Und das bedeutet wahrscheinlich für 4K in fünf Jahren: 12 Bit/Pixel bei 120 fps. Und wir reden dann von ca. 36 Gbit/s Datenrate [2], einer Datenmenge, bei der selbst optimistische Netzwerker die Stirn kraus ziehen und Worte wie „Glasfaser“ murmeln.

Am Ende aller Überlegungen konnte ich dem Planer keine Lösung bieten. Jedenfalls keine UND-verknüpfte, und schon gar keine, für die ich die nächsten zehn Jahre garantieren kann. Statt einer Antwort machte ich einen Vorschlag: Wir sollten uns mit der Sinnhaftigkeit der Forderungen auseinander setzen, statt über eine fehlende Lösung zu klagen. Das ist auch im Sinne des Auftraggebers, der ja diese Forderung an den Planer gestellt hatte!

Sorry, lieber Planer

PS: Und was hat das jetzt mit der 42 auf sich? Nicht die 42 ist das Problem, sondern die dazu gehörende Frage! Wir sollten also über die Frage nachdenken, die zu der Antwort 4K, 4:4:4 uncompressed führt. Den Rest finden Sie in Douglas Adams Roman „Per Anhalter durch die Galaxis“[3].

Weblinks & Quellen

[1] https://www.fktg.org/node/8985
[2] SMPTE: UHDTV Ecosytem Study Group Report 28.March 2014
[3] Verlag: München, Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins, 1995, 1. Aufl. 

Nach oben

Klartext: Knuddel Raum

Knuddel Raum

Wie wir alle aus Erfahrungen wissen, schwappt alle paar Jahre ein Trend aus den USA über den Atlantik und trifft uns wie ein Tsunami. Erschrocken schütteln wir unsere nassen Häupter und fragen uns entsetzt: Was haben sich die Ammis (liebevolle Kurzfassung für „Bürger der Vereinigten Staaten von Amerika“) denn dabei schon wieder gedacht?

Was ich meine? Nun, die „wir haben uns alle lieb“ oder „wir sind ein unschlagbares Team“ Plätze oder Räume. Oder in Englisch Huddle Space / Huddle Room.

Diesen neuen Kulturstreich haben wir wahrscheinlich einer bekannten Softwarefirma aus Redmont, Washington zu verdanken. Bei ihren Beschäftigungen mit kreativen Ideen und neuen Vermarktungsmöglichkeiten für WINDOWS und OFFICE hatten die Kollegen eine Idee, die sie konsequent umgesetzt haben und die ziemlich beindruckend ist, wenn sie vorgeführt wird. Die Rede ist vom MICROSOFT Surface Hub, kurz MSH. Einem großen Multitouch Monitor mit integriertem WINDOWS PC und einer wirklich genialen Verknüpfung von Bedienerfreundlichkeit, Vernetzung und Cloudintelligenz. Beispiel gefällig?

Sie identifizieren sich am Display, und sagen (Jawoll: Sie reden mit dem Display!) „Cortana, zeigt mir meine eMails zum Vertrag mit Klaus Schmidt vom Januar diesen Jahres.“

Plöng! Der Multitouch startet Outlook und zeigt Ihre eMails mit dem Betreff Ihrer Wahl.

MICROSOFT stellt sich vor, mit Hilfe dieser Technik spontane – sprich nicht vorbereitete – Treffen sehr effektiv gestalten zu können. Sie treffen Ihren Kollegen auf dem Flur, kommen ins Gespräch, haben ein gemeinsames Projekt und wollen die Gunst der Stunde nutzen, schnell mal über das Projekt XYZ reden. Statt also einen Besprechungsraum zu buchen, die Unterlagen und Informationen zu sortieren, aufzubereiten und in den gebuchten Raum mitzunehmen, suchen Sie sich einen „freien“ Monitor, setzen oder stellen sich gemeinsam daran und arbeiten an Ihrem Projekt. Das Ergebnis kann anschließend problemlos an alle Involvierten gemailt werden. Soweit das MSH. Wenn Sie nun also ein solches MSH in einen Raum hängen, wird dieser zum Huddle Room. Hängen Sie das MSH in einem Flur an die Wand und stellen einen Stehtisch davor, haben Sie einen Huddle Space.

Dass die Dinger ein Mikrofon haben, haben Sie schon gemerkt. Aber sie haben auch noch Kameras und Lautsprecher on Board und einen mächtigen PC im Gehäuse. Also sind auch Videokonferenzen möglich. Wie war das noch? Ach ja, vor kurzem hat MICROSOFT SKYPE gekauft. Der Service heißt heute „SKYPE professional“ und macht etablierten VC Anbietern mächtig Ärger. Nicht weil MS da irgendwas besser macht als die anderen Systemhersteller, sondern weil es nahtlos integriert ist! Mit Hilfe der Sprachsteuerung – die Dame hört übrigens auf den Namen Cortana – ist es so einfach, aus der spontanen 2er Sitzung eine 3er Sitzung mit SKYPE Unterstützung herzustellen, dass sich alle Nutzer fragen: Warum hatten wir das nicht schon früher.

Wer verkauft das MSH? Nun, wahrscheinlich nicht die klassischen AV Distributoren. (Sie hören mich weinen?) Das machen andere, die auch schon heute teure Netzwerktechnik mit 1-stelligen Prozent-Margen verkaufen. Wird das den Erfolg des Produktes schmälern? Bei Leibe nicht. Den Anwender interessiert in der Regel nicht, was sein Lieferant an einem Produkt verdient. Was er dafür zahlen muss, und welchen Vorteil er dadurch hat, das ist seine Prämisse.

OK: Da kommt also ein Trend, der unsere AV Welt nachhaltig verändern kann, und wir nehmen nicht teil? Genau! Das kann passieren, wenn wir nicht fein aufpassen, besonders aber, wenn wir in Schockstarre verfallen oder arrogant auf die IT Fuzzis herab blicken nach dem Motto: Von AV haben die keine Ahnung, der Kunde kommt sowieso hinterher zu mir!

Ich denke, damit liegen wir falsch. IT Distributoren und Softwarehersteller bringen über ihr Vertriebsnetz ein klassisches AV Produkt auf den Markt, an dem wir schwer zu knabbern haben werden. IT Systemhäuser mit gänzlich anderer Preisstruktur und anderem Business Modell werden AV Projekte in großer Zahl abwickeln, bevor die meisten AV Integratoren das Word MICROSOFTSURFACEHUB buchstabieren können. Und jetzt können die IT Systemhäuser auch noch die Einbindung in das Firmen-Netzwerk und die passende Cloudlösung bieten.

Ich glaube, wir AV Jungs und Mädels müssen uns ganz schnell etwas einfallen lassen, sonst nimmt uns der IT Markt das Grundrauschen unseres Geschäftes weg: Die Hang `n Bang Räume, die schnuckeligen kleinen Besprechungs- oder Konferenzräume, die meistens freihändig vergeben wurde, weil eine Budgetplanung dafür zu aufwändig gewesen wäre.

Übrigens, der Begriff Huddle kommt aus dem Sport und bezeichnet den Kreis von Personen, die sich im Kreis aufstellen, sich in Schulterhöhe umarmen und dabei noch die Köpfe zusammenstecken. So werden Parolen ausgegeben, Schlachtpläne verteilt und Taktiken geändert. Schnell, unbürokratisch und teamorientiert. Lassen Sie uns aufpassen, dass es nicht unser Fell ist, das dort verteilt wird. Im Huddle.

Nach oben

Klartext: WAS BITTE HABEN SIE GESAGT?

WAS BITTE HABEN SIE GESAGT?

Ein Satz – geschrieben in Versalien – bedeutet geschriebenes Brüllen. Und genau das wollte ich: Ein paar Leute anbrüllen. Weil ich sie nicht verstehen kann. Akustisch.

Der auslösende Moment: 6:45, Flughafen Stuttgart, irgendwann 2015. Ich stehe am Gate 4711, Fluggesellschaft „Always Late“, es ist schon später als auf der Bordkarte vermerkt ist. Aber nix passiert. Dann greift einer der hektisch wuselnden, uniformierten Mitarbeiter am Counter des Gates zum Telefonhörer, dreht diesen so, dass er wie ein Ziegenbart nach unten zeigt, presst sich die Sprechkapsel gegen den Mund und erzeugt in der Folge eine Reihe von Geräuschen, die in Bruchstücken an menschliche Sprache erinnert.

Nicht dass ich auch nur 1 Worte verstanden hätte. Aber als Vielflieger wissen wir, was allgemein zu diesem Zeitpunkt gemeint ist. Boarding beginnt. Also stehen viele auf, bilden eine Reihe und warten. Der Mitarbeiter hebt seine Stimme, nutzt die freie linke Hand für irgendeine Art von Handzeichen oder Signal und brüllt weiter in sein Telefon. Ich verstehe immer noch nichts, bleibe aber ruhig, mein Handtuch ist am Mann. Immerhin habe ich nach einem Knalltrauma eine C5 Senke zurückbehalten und bin ich gewohnt, doof* zu sein. Plötzlich höre ich aber, wie eine Frau (Ende 20, offensichtlich aufgeregt) in der Schlange vor mir zu ihrem Reisebegleiter (auch Ende 20, entspannt) sagt: „Hast Du das verstanden?“ Worauf der nur mit den Achseln zuckt und den Kopf schüttelt.

Mittlerweile hat der Angestellte nochmal 6 – 12 dB nachgelegt, wohl in der Hoffnung, das lauter besser sei. Wir verstehen aber immer noch nichts. Dann geht vom Anfang der Schlange ein Mann an den Counter, stellt eine Frage, die der Mitarbeiter beantwortet. Kurz danach erreicht uns dann die Info per Stiller Post: „Das Boarding verzögert sich, irgendwas ist mit dem Flieger. Wir können uns wieder setzen. Oder so.“

Als wir dann 1,5 Std später im Flieger Platz nehmen, greift die Flugbegleiterin zum Telefon, macht den gleichen Wendegriff (Hörer nach unten, Sprechkapsel am Mund: Lernen die das in ihrer „Always Late“ Ausbildung?) und produziert eine ähnliche Schallfront wie ihr Kollege am Gate. Diesmal aber ist der Lautsprecher höchsten 30 cm über mir, und das ich jetzt nichts verstehe, liegt wohl eher an der vollständigen Übersteuerung. Ich halte mir die Ohren zu, warte, bis das Geräusch verebbt ist und frage dann meinen Sitznachbarn, was denn los sei. „Sie hat sich für die Verspätung entschuldigt und freut sich, uns an Bord begrüßen zu dürfen. Oder so.“

Habe ich schon erwähnt, dass am Gate die Durchsage „Bitte lassen Sie ihr Gepäck nicht unbeaufsichtigt, es wird sonst gesprengt!“ perfekt zu verstehen war? Habe ich ebenfalls schon erwähnt, dass die peinliche Comic-Sicherheits-Belehrung „So bescheuert siehst Du aus, wenn Du die Schwimmweste schon im Flieger auslöst!“ perfekt zu verstehen war? Falls nicht, tu ich das jetzt hier und jetzt: „ES GEHT DOCH!“

Am Ziel meiner Reise angekommen, hielt ich einen Vortrag zum Thema AV over IP in einem Nobelhotel. Und raten Sie mal, was ich benutzen sollte: Ein drahtloses Handmikrofon. (Zum Glück kein Telefon). Es stellte sich heraus, dass ich den Popschutz des Mikrofons mit den Lippen berühren musste, damit meine Teilnehmer etwas hören konnten. Sobald ich aber dann normal sprach, klang das auf der Bühne schon grauselig. Was mir dann auch flugs aus dem Publikum bestätigt wurde. Der gerufene Haustechniker war überfordert, meinen Hinweis auf meine CTS Zertifizierung und meinen Willen zur praktischen Hilfe wischte er mit der Bemerkung: „Das hat schon der Hersteller vergebens versucht!“ vom Tisch. Die Zuhörer und ich einigten uns dann darauf, dass ich ohne Mikro halt ein wenig lauter sprechen würde.

Wieder in Uhingen, sitze ich mit meinem Kollegen in einem unserer eigenen Seminarräume, den wir auch für Meetings nutzen, und erzähle von meiner Reise, als mein Blick an unsere eigene Raumdecke geht. Zwei motorisch(!) ausklappbare Deckenlautsprecher aus englischer Edelschmiede, so angeordnet, dass es für den Referenten keinen Platz gibt, den er ohne Rückkopplung für seinen Vortrag nutzen kann.

Also lege ich mich selbst an die Kette und frage mich, wie oft ich in meinem Berufsleben guten Ton nicht mit genügendem Nachdruck von Bauherren, Architekten und Planern gefordert habe. Und muss mir leider selber eingestehen: Viel zu oft!

Liebe Bauherren, liebe Architekten, liebe Planer! Hören ist für unsere Wahrnehmung und für das Verständnis einer Information wichtiger als Sehen. Das hörbare Ergebnis in einem Raum / Halle / Hörsaal hängt zu 80 % von der Raumakustik ab. Dafür seid Ihr zuständig! Dann kommen die elektroakustischen Gerätschaften, dafür sind wir zuständig. Aber ihr müsst uns auch machen lassen! Ein solches System funktioniert nur dann gut, wenn ALLE Elemente aufeinander abgestimmt sind. Sparen an einer falschen Stelle, und nix geht mehr richtig.

JA, DAS KOSTET GELD! Nicht so viel, wie der Marmorboden im Foyer, aber immerhin. Aber wenn Sie genügend Geld für Akustik und ELA Technik ausgeben, werden Ihre Vorträge gerne besucht, Ihre Veranstaltungen stets als gelungen beschrieben und Ihre Zuhörer verstehen die Botschaft!

Und ich brauche nicht mehr zu brüllen.

*   doof = schwerhörig (Düsseldorfer Mundart)
** das mit dem Handtuch erklär ich nicht
 

Nach oben